Die Dehnbarkeit von „GLEICH“

„Mama, kannst du mir bitte meine Schultasche enger machen?“

„Ja, gleich!“

„Mama, wo ist die Schere?“

„In der Lade. Ich gebe sie dir gleich!“

„Schatz, hast du zufällig meine kurze Sommerhose gesehen? Die beige?“

„Ja, in deinem Schrank hinten links. Hinter den warmen Pullis.“

„Dort ist sie nicht.“

„Warte, ich schau gleich.“

Gleich ist immer eine gute Antwort. Es bedeutet irgendetwas – je nach Situation – zwischen in Kürze und in cirka 20 Minuten. Dieses kleine Wort nagelt einen also nicht fest, sondern definiert eine unbestimmte Dauer, die in etwa zwischen einer und eben 20 Minuten liegt. Es gibt also eine gewissen Freiheit, selbst zu entscheiden, wann etwas erledigt wird, sagt aber zu, dass es erledigt werden wird und dass wahrgenommen wurde, dass es da ein Anliegen gibt, das getan werden muss.

Ich könnte auch einfach gar nichts sagen, um Zeit zu schinden, aber das fände ich irgendwie ignorant und würde zudem zu einem sehr unangenehmen Effekt führen:

Es würde nämlich nach sich ziehen, dass  nach cirka 30 Sekunden die Frage in fast gleichem Tonfall wiederholt werden würde. Würde dann wieder keine Antwort folgen, würde erneut gefragt werden. Und zwar wieder nach cirka 30 Sekunden. Aber nun bereits in einem etwas ungehalteneren Tonfall. Käme dann immer noch keine Reaktion, würde sich die Fragenstellerin bzw. der Fragensteller auf den Weg machen, um mich zu suchen. Während dieser Suchaktion würde mehrmals Mama oder mein Vorname gerufen, die Frage würde weggelassen werden. Schließlich wäre ein ernsthafter Notfall eingetreten. Der Infostand des Hauses wäre abhanden gekommen. Dieses Gesuche also würde in Folge sämtliche andere Familienmitglieder so verunsichern, dass sie sich ebenfalls beteiligen würden. Sie sprängen von ihren gerade noch in Ruhe erledigten Tätigkeiten auf und würden die Frage der Fragen stellen: WO IST MAMA? Von einer plötzlichen Unruhe erfasst, würden sie suchen und rufen. Vor allem rufen.

Um also solche oder ähnliche Dramen zu vermeiden, sage ich also zu allen Anliegen zunächst einmal „Ja, gleich.“ So gewinne ich Zeit, um zumindest jene Tätigkeit, der ich mich in diesem Moment widme, abzuschließen, denn wenn ich das nicht tun würde, würde ich vergessen, was ich eben gemacht hatte und somit diese Erledigung nicht mehr erledigen.

Das Problem ist dabei allerdings, dass ich die Wartezeit meiner Kinder und meines Mannes damit manchmal scheinbar bis zur Grenze des Möglichen ausreize. Aber da kann ich jetzt echt nichts dafür!

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