Oma hätte das alles ganz anders gemacht

Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an meine Oma. Oma hat mich eigentlich nie bespaßt. Auch meinen zwei Jahre älteren Cousin nicht, mit dem ich sehr viel Zeit bei ihr verbracht habe. Oma war einfach da. Es gab immer etwas zu essen bei ihr, auf Wunsch einen Pfefferminz- oder Kamillentee, Kakao oder eine Geschichte aus dem großen, vergilbten Märchenbuch. Ab und an hat sie eine Partie Halma mit uns gespielt. Oma hat keine Ausflüge mit uns gemacht. Außer zum Friedhof, zum Billa oder in die Stadt für Besorgungen. Oma war einfach da. Qualitätszeit, Frühförderung etc. waren ihr nicht bekannt, hätte sie auch sicher nicht für notwendig gehalten.

Ich war statt des Kindergartens bei meiner Oma. Nicht weil es keinen in der Nähe gegeben hätte, sondern weil es meine Mama nicht ausgehalten hat, mich am Fenster weinend stehen zu sehen. Zwei Mal hat sie es versucht. Einmal als ich drei Jahre alt war, einmal als ich vier war. Dann hat sie aufgegeben.

So kam es, dass ich jeden Tag bis am Nachmittag bei meiner Oma gewesen bin. Und da ging es mir richtig gut. Ich durfte „Reich und Schön“ schauen – die Vormittagswiederholung, mit Oma Kartoffelpuffer kochen und gegen Mittag bei „Der Preis ist heiß“ und „Familienduell“ mitfiebern, bevor mir Katja Burkhart, die Frau des RTL-Chefs, die mit den blonden Locken und dem S-Fehler, das „Wichigste“ vom Tag bei “Punkt 12” mitteilte.

Am Nachmittag gab es dann täglich eine Folge „Batman“. Aber das war dann schon während meiner Volksschulzeit, vor dem sechsten Lebensjahr gab es keine Action-Serien, nur leichtes Entertainment war erlaubt.

Der Superheld hat übrigens meine Karriere als Balletttänzerin zerstört. Seinetwegen habe ich sie an den Nagel gehängt, bevor ich sie ein zweites Mal angezogen habe, die Spitzenschuhe. Denn als ich mit meiner Oma von der ersten Stunde aus der Stadt zurückgekehrt bin, musste ich schockiert feststellten, dass Batman und Ballett gleichzeitig stattgefunden haben. Da war dann die Entscheidung ziemlich schnell gegen Spitzentanz gefallen, denn TV on demand gab es damals noch nicht.

Dass ich trotz all dieses Trashs in meinem Leben jemals zu einem Buch gegriffen habe, finde ich spannend. Aber Oma hat ja auch gelesen, so war schlimm war es ja dann auch wieder nicht. Die paar Fernsehsendungen. Gut,meine Kinder dürfen höchstens einmal pro Woche eine Serie auf Netflix oder einen guten Film ansehen, aber scheinbar haben mir meine Oma-Trash Jahre auch nicht geschadet. Vielleicht weil Oma immer dabei war. Und der Fernseher nicht mein Kumpel sein musste. Und weil ich so viel Zeit hatte, andere tolle Sachen zu machen. Federball spielen, stundenlang malen, Schneckenrennen im Garten veranstalten. Denn Oma war da, sonst nichts. Und ich hatte Zeit, Kind zu sein.

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